Muay Thai

Erzähle ich den Menschen hierzulande vom Muay Thai kommen meist fragende Blicke auf. Erst wenn das Wort “Thaiboxen” fällt macht es Klick, denn im Westen kann sich jeder etwas unter Boxsport vorstellen. Die Wenigsten wissen jedoch über die historische als auch spirituelle Bedeutung des thailändischen Nationalsports. 

Die Geschichte vom Muay Thai und dem thailändischen Tiger König 

In seinem Ursprungsland Thailand hat der Nationalsport eine lange Traditionslinie, die vor allem durch das Königshaus geprägt wurde. König Ayuttaya, der Anfang des 18.Jahrhunderts regierte, führte aufgrund seiner Leidenschaft zum Kampfsport das erste Equipment in die Welt der thailändischen Kampfkünste. Die ersten Bandagen bestanden aus Pferdehaar bevor sie durch Hanffasern und später durch Baumwolle ersetzt wurden. Als Tiefschutz dienten Muscheln oder Baumrinde, denn bis in die dreißiger Jahre waren selbst Tritte in den Genitalbereich erlaubt.

Noch heute wird der im Volksmund als “Tiger König” bekannte Kampfsportler für die Gewinne verehrt, die er während seiner anonymen Straßenkämpfe verzeichnete.

Der Tiger hat in der asiatischen Symbolik eine besondere Bedeutung und steht für Mut, Ausdauer und Kraft. Auf den Rücken der Nak Muays (Muay Thai Kämpfer) sieht man deshalb oft das Motiv zweier bengalischer Tiger tattoowiert. Gesegnet von einem Mönch wird das Tattoo nicht gestochen, sondern traditionell mit einem Bambusrohr in die Haut geklopft.

Der unbesiegbare Krieger: Muay Thai schreibt Geschichte

Rund sechzig Jahre später begann der burmesische Krieg in dem  Myanmar das heutige Thailand besetzte. Dem Kampfsport kam während dieser Zeit eine besondere Bedeutung zu. Die Legende des siamesischen Kämpfers Nai Khanomtom ist bis heute im Herzen der Thais verankert. Während seiner Gefangenschaft im Jahre 1767 forderte der burmesische König Mangra ihn zur Präsentation der traditionellen siamesischen Kampfkunst Muay Boran auf.  Ohne Kampfrichter, Runden und jegliches Equipment trat Khanomtom gegen einen burmesischen Kämpfer an und … gewann!

Neun weitere Kämpfe folgten in denen der unschlagbare Krieger jeden einzelnen Gegner besiegte. Der König war schwer beeindruckt von Khanotoms Kampfgeist und gab ihm als Zeichen des Respekts seine Freiheit zurück. Bis heute gilt der unbesiegbare Kämpfer als Held der Nation und wird jährlich am 17. März mit einem nationalen Feiertag  geehrt.

Im späten 19.Jahrhundert setzte sich König Rama V zunehmend für Trainingslager und professionelle Kämpfe ein. Bis 1920 war Muay Thai sogar fester Bestandteil des nationalen Schulsystems. Aufgrund der hohen Verletzungsrate wurde das Training schließlich auf den Unterricht in dafür vorgesehenen Gyms reduziert.

Thaiboxen goes West

Durch die internationale Beliebtheit, an der sich das traditionelle Muay Thai im Laufe der Zeit erfreute, wurde mehr Raum für Inspirationen durch andere Kampfsportarten geschaffen. So fanden schließlich die aus dem westlichen Boxen bekannten Handschuhe ihren Platz in der asiatischen Kampfkunst. Die Einführung unterschiedlicher Gewichtsklassen, das Kämpfen im Ring und  in Runden machen das heutige “Thaiboxen” aus.

Seit der MMA Bewegung der 90er Jahre und der zunehmenden K1 und Kickbox Fangemeinde erfreut sich Muay Thai einem immer größeren Zulauf – auch in der Frauenwelt. Bis vor einigen Jahren wäre es in Thailand undenkbar gewesen weibliche Kämpfer in den Ring steigen zu lassen.

Kampfkunst Muay Thai – The Art of 8 Limbs

Muay Thai wird im Englischen als Art of 8 Limbs (achtgliedrige Kunst) bezeichnet, da die angewandten Techniken mithilfe von jeweils zwei Fäusten, Ellenbogen, Knien und Schienbeinen (8 Punkte) ausgeführt werden.

Die aus dem herkömmlichen Boxen bekannten Schläge, wie Jebs und Haken finden auch im Muay Thai ihre Anwendung. Darüber hinaus kommen diverse Ellenbogentechniken zum Einsatz.

Anders als beim Kickboxen zielen die Tritte im Muay Thai auf den gesamten Körper des Gegners ab. Neben High Kicks, die sich auf den Kopf des Gegenübers ausrichten, werden Low Kicks auf Rippenhöhe oder in der Gegend des äußeren Oberschenkels ausgeführt. Innenbein Low Kicks zielen auf die Innenseite des Oberschenkels und dienen vor allem dazu das Gleichgewicht des Gegners zu beeinträchtigen.

Im sogenannten Clinch (Chap Kho) umschlingt der Kämpfer den Kopf des Gegners, um ihn mit Kraft nach unten zu zwingen und diverse Knietritte anzuwenden.

Um Tritte abzuwehren nutzen Muay Thai Kämpfer spezielle Blocks. Vor allem das Heben der angewinkelten Beine schützen den seitlichen Rumpf und die Rippengegend.

Thaiboxen: Das härteste Training im Kampfsport

Sowohl das Blocken als auch die von den Hüften aus gesteuerten Kicks setzen einen großen Bewegungsspielraum voraus. Das ausgiebige Dehnen ist daher großer Bestandteil des Muay Thai Unterrichts.

Eine Yoga Sequenz, die besonders für das Aufwärmtraining im Muay Thai geeignet ist, findest du auf meinem Yoga YouTube Channel in diesem Video.

Thaiboxen ist für sein hartes Training bekannt. Neben Seilspringen, Joggen und Schattenboxen gehören Übungen, die Körperkraft, Koordination und Kondition erfordern, zu einem normalen Muay Thai Training. Anschließend werden Techniken geübt, die meist in Partnerarbeit oder an Pratzen  stattfinden. Zur optimalen Kampfvorbereitung dient das Sparring in dem die Praktizierenden eine realistische Kampfsituation simulieren. Anders als in Profikämpfen tragen Kämpfer dabei in der Regel Schienbeinschoner, um ernsthafte Verletzungen zu vermeiden.

Vom Humbled Warrior zum Kämpfer

In der alten Muay Thai Tradition führen die Kämpfer vor Beginn des Kampfes einen rituellen Tanz (Wai Khru Ram Muay) vor, der vor allem Respekt gegenüber dem eigenen Lehrer symbolisieren soll.

Der traditionelle Kopfschmuck, den Kämpfer während dieses Rituals tragen, wird Mongkon genannt und hat eine spirituelle Funktion. Erst wenn der Lehrer seinen Schülern als für den Kampf bereit ansieht wird das glückbringende Stirnband, welches zuvor in einem buddhistischen Ritual gesegnet wurde, übergeben. Vor dem Kampf nimmt der Lehrer den Mongkon vom Kopf des Schülers und erklärt somit den offiziellen Beginn des Kampfes. Sowohl während der spirituellen Zeremonie als auch während des Kampfes wird traditionelle Thai Musik gespielt.

Muay Thai Kampf

Ein konventioneller Muay Thai Kampf zählt je nach Leistungsgruppe drei bis fünf Runden á zwei bis drei Minuten.

Der Kampfrichter übernimmt Kommandos und Kontrolle über die vorgegebenen Kampfregeln. Ist einer der Kämpfer nicht mehr in der Lage weiterzumachen, zählt er bis zehn bevor das endgültige K.O. ausgerufen wird. Darüber hinaus hat der Ringrichter das Recht den Kampf abzubrechen, wenn er das Leistungsniveau zwischen den Gegnern als signifikant unausgeglichen empfindet.

Eine Jury von drei Personen entscheidet über die Punktevergabe eines Muay Thai Kampfes. Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Treffer und Blocks der vom Gegner angewandten Angriffe wird mit zehn Punkten belohnt. Bei einem geringen Unterschied zwischen der Leistung eines Kämpfers und der seines Gegners erfolgt eine Vergabe von neun Punkten. Eine schlechtere Darbietung entspricht acht Punkten. Das Ausführen unerlaubter Techniken wird mit einem Punkteabzug und nach dreimaliger Wiederholung mit einer Disqualifizierung bestraft.

Mitte der vierziger Jahre nahmen nicht nur die allgemeinen Bestimmungen und Reglementierungen, sondern auch die allgemeine Bedeutung des Kampfsports für das thailändische Volk zu. Etliche Jahre vergingen, in denen unterschiedliche Verbände sich um Rechte und Regeln des Nationalsports stritten.  1995 wurde schließlich der World Muay Thai Council (WMTC) gegründet, dessen Organisation nun weltweit alle Muay Thai Verbände unterliegen.

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