Breathe Easy!

Der Volksmund sagt uns fehlt die Zeit zum Atmen. Kein Wunder also, das wir bei der schnelllebigen Zeit heutzutage kaum noch zu Luft kommen. Doch was passiert eigentlich wenn wir atmen? Und vor allem: Was passiert wenn wir es nicht tun? Als Yoga und Pilates Lehrerin fällt mir immer wieder auf wie schwer dem Mensch das Atmen fällt – und dabei ist nun wirklich nichts esoterisches dabei dir das Leben einzuhauchen, dass du verdienst – und das nicht nur wenn du in deinem Krieger auf der Matte stehst!

Atmen hält jung

Der Atem nährt unsere Zellen mit Sauerstoff. Wenn die aber hungrig bleiben wirkt sich das durch verfrühte Falten und einen beschleunigten Alterungsprozess aus. Anstatt uns also darüber zu freuen sauerstoffhaltige Luft atmen zu können, versuchen wir die Spuren des Alterns durch Faceliftings und diverse Anti-Aging-Cremes aus unseren Gesichtern zu verbannen.

Dabei ist das Geheimnis faltenfreier Haut und innerer Ausgeglichenheit so einfach, und vor allem: so viel billiger! Zeit ist nicht Geld, Zeit ist Atmen, und Atmen bedeutet Leben. Wenn wir also das nächste Mal nach Feierabend zur Yoga Stunde hetzen sollten wir uns vielleicht ein paar Sekunden unserer wertvollen Zeit nehmen und mal tiiiief Luft holen.

Dein Yoga Lehrer hat mit Sicherheit Verständnis dafür, denn Yogis bemessen Zeit anhand ihrer Atemzüge und wissen: Ein tiefer Atem ist der leichteste Weg um an unsere Lebensenergie, Prana, zu kommen. Hauch dir Leben ein, fühl dich lebendig und jung! Be alive!

Atmen als Detox Behandlung

Allerdings wirkt sich die Versorgung unserer Zellen mit Sauerstoff nicht nur auf unsere Schönheit aus. Der Abtransport von Giftstoffen ist vor allem gesundheitsfördernd: Schmerzen werden gelindert, der Verdauungsprozess beschleunigt und die Fähigkeiten des Gehirns gestärkt.

Mit einem tiefen Atemzug durch die Nase soll nicht nur die Lunge belüftet, sondern auch das Zwerchfell bewegt werden. So kann der Kreislauf besser zirkulieren und den Stoffwechsel, der zur Entschlackung beiträgt, unterstützen.

Durchschnittlich atmet ein erwachsener Mensch zwölf Mal pro Minute ein. Einmal Einatmen dauert deshalb meist nicht länger als fünf Sekunden, dabei gäbe unser Lungenvolumen so viel mehr her: Mit einer gezielten Atmung können wir bis zu 75 Liter Luft aufnehmen, in der Realität sind es meist nur etwa sieben bis zehn.

Ein tiefer Atemzug sollte nicht nur bis in den Brustraum, sondern bis in den Bauch und sogar in Becken-, Rücken- und Nierenbereich spürbar sein. Leider sieht die Atemrealität der meisten anders aus. Während wir als Kinder noch ganz natürlich in den runden und glücklichen Bauch geatmet haben, verleitet uns Anspannung zu verkürzten Atemzügen in den oberen Brustraum. Besonders Frauen vergessen geprägt von gesellschaftlich suggerierten Schönheitsidealen, dass ein rund geatmeter Bauch vor allem auf Zufriedenheit und Entspannung hindeutet. Oder was meinst du warum der Happy Buddha trotz seines Kugelbauchs so unbeschwert vor sich hin grinst?

Atmen gegen Stress

“Tief durchatmen”. Das ist oft das Erste was wir von unseren gutmeinenden Mitmenschen zu hören bekommen, wenn uns mal wieder etwas tierisch auf die Palme bringt. Oft ist es nur daher gesagt, aber tatsächlich hilft ein tiefes Ein- und Ausatmen dabei das Nervensystem herunterzufahren. Der Herzschlag verlangsamt sich, der Blutdruck wird entschleunigt und oft empfindet man die Situation nach ein paar tiefen Atemzügen als viel weniger dramatisch – und wenn es nur darum geht ein paar Momente Zeit und Aufregung vergehen zu lassen. 

Vor allem während der natürlichen Atempause nach einer Ausatmung kann der Geist zur Ruhe kommen. In stressigen Situationen also nicht einfach nur “tief Luft holen”, sondern vor allem vollständig ausatmen. Hilfreich ist es dabei sich einfach vorzustellen negative Gedanken und Emotionen mit der Ausatmung loszulassen. Genieße den Moment der Stille nachdem du komplett ausgeatmet hast und bevor du dich mit einer tiefen Einatmung an einen mentalen Neuanfang wagst.

DIY Atem Meditation zur Entspannung

Vor allem wenn es in deinem Alltag oder im Berufsleben stressig zu geht solltest du dir zumindest zwei Mal wöchentlich die Zeit für eine kurze Atem Meditation nehmen.

Komme in eine Rückenlage. Lasse Arme und Beine entspannt ausgleiten, die Fersen auseinander kippen und die Handflächen in Richtung Decke geöffnet. Schließe die Augen und lasse den Atem nach unten in den Bauchraum fließen. Nehme bewusst wahr wie sich die Bauchdecke mit jeder Einatmung hebt und mit der Ausatmung wieder senkt. Wenn es dir leichter fällt, den Atem zu spüren, kannst du die Hände dabei auch auf die Bauch legen, um so das leichte Heben und Senken der Bauchdecke zu spüren.

Bleibe mit deiner Aufmerksamkeit bei deiner Atmung und lasse die Atemzüge länger werden. Wenn du willst zähle die Sekunden jeder Ein- und Ausatmung und versuche diese um ein bis zwei Sekunden zu verlängern. Stelle dir vor wie du mit jeder Einatmung neue und frische Energie zu dir nimmst und wie du mit jeder Ausatmung etwas mehr an Anspannung und Stress an den Boden abgibst.

Lege nun den Fokus auf das Ausatmen und versuche jede Ausatmung um zwei Sekunden zu verlängern. Nimm all die Auflagepunkte deines Körpers wahr, die Kontakt mit der Matte haben. Stelle dir vor wie du diese Punkte mit jeder Ausatmung tiefer in den Boden sinken lässt. Genieße den Moment der Stille wenn du vollständig ausgeatmet hast. Atme dann ein, so lang und tief wie bisher und versorge all deine Zellen und Muskeln mit frischer Lebensenergie (im Yoga sagen wir dazu übrigens Prana).

Bleibe für einige Minuten in diesem Atemrhythmus. Versuche dabei stets in den Bauchraum zu atmen. Sollte der Bauch dabei Geräusche von sich geben hast du alles richtig gemacht. Die tiefe Atmung signalisiert deinem Organismus, dass es Zeit ist sich zu entspannen. Somit wird der Stoffwechsel und die Verdauung angeregt.

Bevor du die Übung beendest atme ganz tief ein, so als könntest du jede einzelne Zelle deines Körpers mit Sauerstoff und neuer Energie durchfluten. Komme dann langsam über die Seite gestützt nach oben in einen aufrechten Sitz. Halte die Augen noch für einen Moment geschlossen und lasse den Atem dann wieder ganz natürlich kommen und gehen.

In der schnelllebigen Gegenwart ist das oberflächliche Atmen zum Dauerzustand geworden. So wie bei den meisten Dingen im Leben wird das Wichtigste für selbstverständlich genommen und  nicht genügend wertgeschätzt. Nur bringt uns diese Einsicht im Nachhinein auch nichts mehr, denn genau genommen ist atemlos gleich leblos – auch wenn’s drastisch klingen mag! Und falls du grad seufzend vor deinem Laptop oder über dem Smartphone hängst, nimm dir die abschließende Frage einmal zu Herzen: Wann hast du das letzte Mal so bewusst geatmet wie in den letzten fünf Minuten während du diesen Text gelesen hast?

Fotos aus:

Hatha Yoga – Das komplette Buch. Martina Mittag.

Erschienen: Mai 2018 im Meyer & Meyer Verlag.

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