Anahata Chakra

Im Yoga, im Ayurveda, der traditionellen chinesischen Medizin, aber auch in alten Kampfkünsten und Heilpraktiken ist Energiearbeit Grundlage für ein gesundes Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele.

In der westlichen Welt wird der Begriff Energie meist in einem völlig anderen Kontext benutzt. Energieeffienz äußert sich in unserem Alltag eher im Energiesparmodus unseres Smartphones, mit unseren eigenen Kraftressourcen hingegen gehen wir meist sehr verschwenderisch um.

Das Chakrasystem im Yoga

Laut der Yoga Philosophie erstrecken sich entlang unserer Wirbelsäule sieben verschiedene Energiekanäle, jeder von ihnen mit einer bestimmten Aufgabe und unterschiedlichen Qualitäten.

Der fürsorgliche Umgang unserer Chakren führt zum Ausgleich unserer energetischen Ressourcen und letztlich des Potentials, das in uns steckt, um ein harmonisches Leben in Zufriedenheit mit uns selbst und äußeren Umständen zu führen.

Im folgenden Artikel stelle ich dir in Kürze das erste der sieben sogenannten Chakren vor, deren Bedeutung sich auch abseits esoterischer Ansätze in den modernen Alltag adaptieren lassen.

Das Herzchakra

Anahata = nicht anschlagen, der nicht anschlagende Ton

Sitz: Herz

Element: Luft

Farbe: Grün

Mantra: YAM

Gott: Vishnu und Lakshmi

Tier: Antilope/Gazelle/Reh

Sinnesorgan: Haut

Düfte: Jasmin, Rose, Kardamom

Gerade in den Momenten in denen wir uns einsam fühlen, suchen wir das Gefühl von Verbundenheit. Das Herz ist unser spirituelles Zuhause, wird nur leider viel zu selten genutzt, um uns mit unserer ursprünglichen Spiritualität zu verbinden.

Zumeist suchen wir den Zugang im Außen, gehen vermeintlich spirituellen Praktiken nach, um uns mit dem Höheren in Verbindung zu setzen. In Vergessenheit gerät dabei die Kraft, die in uns selbst liegt und jederzeit zugänglich ist sobald wir uns ihr gegenüber öffnen.

Im Yoga dienen die herzöffnenden Asanas einer offenen Haltung, nicht nur uns selbst, sondern auch anderen gegenüber. Angefangen bei dem Stretch in der Vorderseite unseres Körpers (die ganz nebenbei auch dem durch das viele Sitzen gekrümmten Rücken entgegenwirkt) überträgt sich die äußere Haltung letztlich auch auf die innere. Eine aufrechte und offene Haltung unserer Umwelt gegenüber symbolisiert Offenheit, Lebendigkeit und inspiriert andere sich ebenfalls zu öffnen – ganz nach dem Motto: Welcome Home! Oder findest du nicht, dass es viel schöner ist mit offenen Armen und offenem Herzen empfangen zu werden?

Fortgeschrittene Rückbeugen, wie Ushtrasana (das Kamel) oder Chakrasana (das Rad) erfordern eine Menge Selbstvertrauen und Mut. Als Einstieg für eine sanfte Öffnung des Herzens bieten sich Asanas wie Bhujangasana (die Cobra).

Unser Herz ist aber auch das Zuhause unserer Gefühle und Emotionen. Dazu gehören nicht nur die, die wir uns in Form von vermeintlicher Freude wünschen. Die Medien und vor allem Social Media suggerieren uns, dass #happiness das ultimative Ziel ist. Doch auch Aversionen, Enttäuschungen, Schmerz und Trauer sind Emotionen, die Teil von uns sind und denen wir uns nicht entziehen können – und auch nicht sollten.

Im Englischen – und vor allem in der buddhistischen Lehre – wird in diesem Zusammenhang der Begriff Detachment verwendet – der so viel wie “loslassen” bedeutet. Gefühle, egal ob erwünscht oder nicht, sind Teil unseres Bewusstseins. Es liegt in unserer Macht zu entscheiden, wie viel Raum wir ihnen geben wollen und vor allem: Wie viel Bedeutung wir ihnen beimessen.

In der Meditation, aber auch im Yoga (insbesondere in der Yin Yoga Praxis), geben wir unseren Emotionen die Möglichkeit sich frei zu entfalten. Wir selbst schaffen dabei einen Raum, um sie zu wahrzunehmen, ohne dabei über sie zu urteilen. Als Entdecker unser eigenen Gefühlswelt beobachten wir die Reaktionen unseres Körpers auf Empfindungen, die auftauchen und lernen uns selbst immer besser kennen. Ohne dabei etwas mit Attributen, wie “gut” oder “schlecht”, zu benennen. Eine wertfreie Entdeckungsreise auf der Suche nach uns selbst sozusagen.

Bei Geburt ist unser vollkommen Herz rein. Unser Handeln wird weder von unseren Erfahrungswerten noch von unserem Verstand gelenkt und alles was wir tun geschieht intuitiv. Nicht umsonst haben Kinder eine besonders friedvolle Ausstrahlung und zumeist auch Wirkung auf uns.

Zerstörerische Gedanken uns selbst oder unserer Umwelt gegenüber entwicklen sich erst mit der Zeit. Traumatische Erlebnisse, Trennungsschmerz, Liebeskummer, Enttäuschungen – all das sind Dinge, die uns im Leben begegnen und die wir in der Regel viel zu lange mit uns herumschleppen. Anstatt das Leben als Geschenk zu sehen, betrachten wir “das Päckchen”, das wir tragen als Last von der wir uns augenscheinlich herunterziehen lassen. Nach außen macht sich das mit einer weniger offenen, dafür gekrümmten Haltung bemerkbar.

Wir haben verlernt Dinge von Herzen zu tun, da gesellschaftliche Anforderungen mit ständiger Erreichbarkeit und Pflichtbewusstsein einhergehen. In den Momenten in denen wir anderen eine Freude machen könnten, reagiert unser Ego oft mit Missgunst, denn: Wie kann ich anderen gerecht werden, wenn ich mir selbst nicht recht bin?

Indem wir uns die Zeit geben, uns mit den Dingen beschäftigen, die uns von Herzen Freude bereiten, erwecken wir regelmäßig das innere Kind in uns, welches mit voller Begeisterung seinem Herzen folgt. In diesen Momenten sind wir voll und ganz von Frieden erfüllt und: mit vollem Herzen dabei.

Oder käme dir in den Sinn irgendwem etwas böses zu tun während du mit voller Hingabe deiner Lieblingsbeschäftigung nachgehst?

Das Herz ist also auch Sitz unserer Intuition – oder unsere inneren Weisheit. Obwohl Kinder als neue Lebewesen auf die Welt kommen haben sie – anders als Erwachsene – einen besseren Zugang zu diesem wertvollen Tool. Weisheit hat nämlich nichts mit dem Wissen zu tun, das wir uns durch Bücher oder – noch besser – durch google aneignen. Das Wissen in unserem Kopf ist das, welches unser Verstand abruft, um uns den Normen der Außenwelt anzupassen. Eine Art automatischer Sicherheitsdienst, der dafür sorgt, dass wir uns keinen Ärger einhandeln indem wir uns zivilisiert benehmen. Allerdings auch der Ort in dem unsere Ängste und Zweifel uns von dem abhalten, was unser Herz als richtig erachtet.

Im Erwachsenenalter wird die Stimme des Herzens leiser und leiser bis der Verstand sie schließlich übertönt: Dein Verstand ist zwar laut – aber ein Spießer!

Wir alle kennen diese Floskeln, wie “Hör auf dein Herz”, “Folge deinem Herzen”. Doch der verstandsgeleitete Westler ist ab dem Moment frustriert in dem ihm bewusst wird, dass es dafür keine Gebrauchsanweisung gibt. Niemand wird dir jemals sagen können, was das Richtige für dich ist. But no worries, denn: dein Herz weiß es mit Sicherheit.

Fotos und mehr Übungen zum Thema Chakra in:

Hatha Yoga – Das komplette Buch. Martina Mittag.

Erschienen: Mai 2018 im Meyer & Meyer Verlag.

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