Agni – das innere Feuer

Agni im Ayurveda

Im Ayurveda dreht sich so ziemlich alles um die Verdauung und unser inneres Feuer, auch Agni genannt. Lodert das Verdauungsfeuer zu hoch äußert sich das oft in Durchfall, ist Agni dagegen zu wenig ausgeprägt können Verstopfung und Verdauungsprobleme die Folge sein. Ziel des Ayurveda ist ein beständiges und ausgeglichenes Brennen des Verdauungsfeuers. Je nach Konstitution können bestimmte Lebensmittel und Essroutinen zu einem gesunden Agni beitragen.

Agni vs. Ama

Mit seiner enormen Größe ist der Darm der Sitz unseres Immunssystems. Rund 70% der körpereigenen Immunzellen befinden sich auf Dick- und Dünndarm verteilt. Agni ist unerlässlich für Reinigungsprozesse, die Dünn- und Dickdarm sowie unseren Magen vor Giftstoffen und Ama (Ablagerungen) befreien. Im Ayurveda wird daher eine ausgewogene und bewusste Ernährungsweise angestrebt. Dazu zählen vor allem eine kontinuierliche Essroutine, ausreichende Pausen zwischen den Mahlzeiten und die, je nach Konstitutionstypen, geeigneten Kombinationen von Nahrungsmitteln und Gewürzen.

Ernährungstipps für eine optimale Verdauung

Generell lehrt das Ayurveda, dass Agni vor allem morgens eher schwach glüht während es sich mittags in seiner Hochphase befindet und zum Abend hin wieder kleiner wird. Durch die richtige Ernährung können wir uns optimal auf unsere Verdauungskraft während des Tages einstellen.

Erwärmtes Essen und warmes Wasser am Morgen wirken sich schonend und energiesparend auf den Organismus aus. Durch das Erhitzen von Speisen und Getränken wird dem Körper der erste Verdauungsschritt abgenommen und die Energie kann dem Körper optimal zur Verfügung gestellt werden. So tanken wir genügend Kraft am morgen, die bis zu unserer Hauptmahlzeit am Mittag ausreichen sollte. Eine gute Alternative zum Nutellabrot am morgen ist ein warmes Yogi Porridge.

Schwer zu verdauende Lebensmittel (fettige Speisen, Fleisch, Rohkost, Salate etc.)  sollten wenn überhaupt zur Mittagszeit verzehrt werden, wenn nicht nur die Sonne am höchsten steht, sondern auch unser inneres Feuer auf Hochtouren läuft.

Zum Abend hin wird Agni genauso wie der Rest des Systems wieder träger weshalb wir die Verdauungprozesse nicht mit schwerer Kost belasten sollten. Leichte und warme Speisen, wie Suppen, geben ein wohliges Gefühl im Bauch und unterstützen den Körper bei der Verdauungsarbeit, die während der Nacht geleistet werden.

Agni im Yoga

Auch in der Yoga Tradition (Yoga gilt mit seinen körperlichen Übungen übrigens als wichtiger Bestandteil des Ayurveda) spielt Agni eine wichtige Rolle. Zusammenhängend mit der Verdauung bezieht sich Agni hier auf die Kraft von Samana Vayu, den Aspekt unseres Pranas (Lebensenergie), der für die Verdauungsprozesse auf allen Ebenen zuständig ist. Zu einem Großteil bezieht sich das natürlich auf das Essen, das wir zu uns nehmen (nicht umsonst sagen wir: Du bist, was du isst). Ebenso wichtig ist die geistige Nahrung, die wir uns über äußere Einflüsse zuführen.

Auf psychologischer und emotionaler Ebene lässt sich Agni dem Manipura Chakra zuordnen. Das Manipura Chakra befindet sich genauso wie Samana Vayu zwischen Solarplexus und Nabel. In diesem Bereich finden die Organtätigkeiten der Magen, Milz, Leber, Gallenblase und des vegetativen Nervensystems statt. Prana wird hier in Form von Hitze oder dem inneren Feuers repräsentiert.

Agni, das innere Feuer, kann auf mental emotionaler Ebene als Symbol für die Willenskraft gesehen werden, die in jedem von uns schlummert. Auf dem achtgliedrigen Yogaweg nach Patanjali wird Tapas als Form der Disziplin aufgeführt. Übersetzt bedeutet Tapas Glut bzw. innere Hitze, die wiederum auf das innere Feuer zurückführt und uns die Kraft vermittelt, um Dinge umzusetzen und in unser schöpferisches Potential zu entfalten.

Praktische Übungen, um dein Feuer zu entfachen

Das innere Feuer brennt in jedem von uns. Mal stärker, mal schwächer. Durch spezielle Techniken können wir die Flamme auf die von uns benötigte Stufe stellen – ähnlich wie bei einem Gasherd 😉

Die folgenden Übungen können dir helfen die Kraft deines inneren Feuers zu optimieren.

Kapala Bati – die Feueratmung

Kapala Bati bedeutet übersetzt leuchtender Schädel. Durch die aktive Ausatmung wird dem Körper ein Überschuss von Sauerstoff zugeführt, der einen belebenden Effekt auf das Nervensystem hat. Yogis setzen diese Atemtechnik gern am Morgen ein, um das innere Feuer zu zünden und energetisiert in den Tag zu starten. Ähnlich wie ein Espresso wirkt der Feueratem nämlich

Kapala Bati aktivieren Funktionen der Leber, Milz und Bauchspeicheldrüse, die u.a. für die Verdauungsprozesse zuständig sind. Agni wird hier also auch im Sinne des Verdauungsfeuers nach Ayurveda (siehe oben) angeregt.

Zudem reinigt das aktive Ausschnauben die Nasennebenhöhlen und trainiert die Bauchmuskulatur sowie die Elaszität der Bauchdecke.

Menschen, die unter Panikattacken, Atemnot, Bluthochdruck, Nasenbluten, Ohrenschmerzen oder Asthma leiden, sollten diese Übung vermeiden. Während der Schwangerschaft sollte Kapala Bati nicht ausgeführt werden.

Komme in einem aufrechten Sitz mit gekreuzten Beinen. Richte das Becken und die Wirbelsäule auf.

Schließe die Augen und atme einige Male lang und gleichmäßig durch beide Nasenlöcher ein und aus. Konzentriere dich hierbei auf die natürliche Bewegung deiner Bauchdecke.

Beginne nun mit einer aktiven Ausatmung durch die Nase (ähnlich wie das Ausschnauben beim Naseputzen) und ziehe die Bauchdecke kraftvoll nach innen (den Bauchnabel an die Wirbelsäule ziehen). Wiederhole dieses ausschnaubende Ausatmen einige Male hintereinander. Lasse die Einatmung dazwischen ganz natürlich und passiv erfolgen. Nach einigen Malen wirst du merken wie sich Agni durch innere Hitze bemerkbar macht, die vom Bauchraum bis nach oben in den Schädel steigt.

Beende die erste Runde nach einigen kraftvollen Atemzügen und bleibe für einige Momente still und mit geschlossenen Augen im aufrechten Sitz, um der Wirkung von Kapala Bathi nachzuspüren. Wichtig ist es auf die Zeichen des eigenen Körpers zu hören. Sollte dir bei dieser Übung schwindlig werden lohnt es sich auf eine weitere Runde zu verzichten und das Pranayama vielleicht an einem anderen Tag nochmal auszuprobieren.

Hat Kapala Bati die erwünscht belebende Wirkung auf dich kannst du in einer weiteren Runde versuchen das Tempo zu erhöhen bzw. die Runde (Anzahl der Atemzüge) zu erweitern. Hilfreich ist es hier die Atemzüge im Kopf mitzuzählen.

 

Ardha Matsyendrasana – der Drehsitz

Die im Yoga beliebten Twists fördern die Durchblutung der Verdauungsorgane. Eine tiefe Atmung unterstützt den entgiftenden Effekt der Drehbewegungen und wirken wie eine Massage auf das innere Verdauungssystem.

Eine besonders effektive Asana, um das innere Verdauungsfeuer anzuregen ist der Drehsitz. Indem du deinen Bauch möglichst dicht an den aufgestellten Oberschenkel schmiegst kann der tiefe Atem in dieser Haltung wie eine Massage auf die inneren Organe wirken. Alle rotierenden Yogaposen richten sich an Samana (Region rund um den Nabel) und nähren somit Bauchspeicheldrüse, Nieren, Magen, Dünndarm, Leber und Gallenblase.

Samana Vayu ist der Aspekt von Prana (Lebensenergie), der für die Verdauung von zugeführter Nahrung zuständig ist. Dazu zählt nicht nur die Nahrung, die wir uns durch Essen zufügen, sondern auch geistiges Futter, welches wir uns durch äußere Einflüsse zuführen. Zusätzlich tragen Rotationsbewegung zur  Beweglichkeit der Wirbelsäule und Gesundhaltung der Bandscheiben bei.

Der Drehsitz sollte nicht während der Schwangerschaft oder bei akuten Problemen mit den Bandscheiben ausgeführt werden.

 

Starte in einem aufrechten Sitz.

Stelle den rechten Fuß möglichst dicht neben dem gestreckten linken Bein auf. Der linke Fuß ist geflext, und das Becken bleibt weitestgehend aufgerichtet.

Einatmen: Hebe die Arme und strecke die gesamte Wirbelsäule.

Ausatmen: Drehe dich über die rechte Schulter indem du das aufgestellte Bein mit deinem rechten Arm umschlingst.

Einatmen: Verlängere die Wirbelsäule weiter bis über den Scheitelpunkt hinaus.

Ausatmen: Dreh dich weiter über die rechte Seite.

Halte für mindestens fünf tiefe Atemzüge im Drehsitz. Versuche einatmend die Länge deines Rückens beizubehalten, sodass du dich ausatmend weiter drehen kannst. Je dichter du im Drehsitz den Oberschenkel an den Bauch ziehen kannst desto effektiver wirkt die Atmung auf die Organe im Bauchraum.

 

Apanasana – die lösende Umarmung

Apana bedeutet absteigende Energie im Sinne der Luft, die wir durch die Atmung zufügen. Apana Vayu ist der Teil des Prana (Lebensenergie) , der für die Ausscheidungsprozesse unseres Körpers zuständig ist. Das  Heranziehen der Beine an den Oberkörper stimuliert in Verbindung mit einem tiefen Atem die inneren Organe im Bauchraum. Dadurch können überschüssige Luft und Blähungen in der Bauchgegend gelöst werden. Durch das Heranziehen der Beine wird das Zwerchfell nach oben geschoben, wodurch auch das Ausatmen erleichtert wird. Zudem hilft Apanasana bei Verspannungen im unteren Rücken.

Starte in der Rückenlage.

Hebe die Beine und ziehe beide Knie sanft zur Brust.

Einatmen: Versuche die Wirbelsäule möglichst lang und flach am Boden zu halten.

Ausatmen: Ziehe die Knie dichter zur Brust, und deine Oberschenkel an die Bauchdecke.

Halte in dieser Asana für einige tiefe Atemzüge. Schließe die Augen und spüre die Wirkung des Atems unterhalb deiner Bauchdecke.

Für eine noch stimulierende Wirkung kannst du die Übung dynamisch ausführen indem du die Knie einatmend wegschiebst und sie ausatmend dichter ran ziehst.

 

Surya Namaskar – der Sonnengruß

Agni steht im engen Zusammenhang mit unserer Sonnenenergie. Surya Namaskar (der Sonnengruß) ist eine klassische Übungsabfolge, die dazu dient die Sonnenkraft in uns zu wecken. Durch die aufeinanderfolgenden Vor- und Rückbeugen wird der Körper in alle Richtungen gedehnt bzw. kontrahiert und bringt somit nicht nur Beweglichkeit in Muskulatur und Gelenke, sondern regt auch die Tätigkeit, der darunter liegenden Organe an.

Eine Variante des Sonnengrußes findest du hier.

 

Fotos und mehr Übungen zum Thema Agni in:

Hatha Yoga – Das komplette Buch. Martina Mittag.

Erschienen: Mai 2018 im Meyer & Meyer Verlag.

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